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Bewerbungsrede für die Bundestagswahl

  • Ralph T. Niemeyer
  • 21. März 2017
  • 3 Min. Lesezeit

Liebe Genossinnen und Genossen, wie man unschwer an meiner Sprache hören kann, stamme ich nicht direkt aus Freiburg, Heidelberg, Konschdanz oder Schwäbisch Gmünd, sondern aus Berlin. Nach drei Jahren in Walldorf mache ich nun seit eineinhalb Jahren einen Integrationskurs auf der Ostalb. Ich rufe nun morgends beim Bäcker Moin-Grüßgott und nenne Briegel nicht Schrippen und stattdessen Pfannkuchen Berliner, was in mir kannibalistische Reflexe auslöst über die ich aber nicht rede. Außerdem habe ich gelernt, daß man aus Krokodilen ganz schön große Maultaschen machen kann, ohne in Konflikt mit dem Artenschutz zu kommen. Im Übrigen wuchs meine Mutter in Bühlertann bei Schäwbisch Hall auf, mein Vater in Mannheim. Teile der Familie wohnen noch in Langenbach im Schwarzwald und im Rhein-Neckar - Kreis. Sozialdemokrat ist man aus Überzeugung, nicht aus diffusen Gefühlen heraus. Thomas Mann definierte die praktische Vernunft, doch ist anders als in der Philosophie diese in der Politik nicht häufig anzutreffen, gleichwohl sie dort am notwendigsten gebraucht würde. Helmut Schmidt sprach einst von einer nüchternen Leidenschaft zur praktischen Vernunft und setzte damit zwei gegensätzliche Parameter in eine Beziehung miteinander. Er hatte Recht, denn ohne Leidenschaft ist Politik nicht möglich. Man muß für etwas brennen! Und ohne Vernunft ist Politik fatal und zum Scheitern verurteilt. Gleichwohl ist die Frage, wie Menschen sich bei Wahlen entscheiden durchaus eine Bauchentscheidung und keineswegs eine philosophische Überzeugung. Mein Urgoßvater mütterlicherseits entschied sich als SPD Abgeordneter gegen die Kriegskredite und landete infolgedessen in der USPD. Mein Vater war im Berliner Senat engster Mitarbeiter von Willy Brandt und später von Karl Schiller. Meine Mutter Sekretärin bei Herbert Wehner. Mehr sozialdemokratisches Blut kann nicht in jemandem fließen und so war ich natürlich auch SPD-Mitglied seit ich laufen konnte. Genossen Lafontaine und Engholm leiteten mit den Petersberger Beschlüssen am 31. August 1992 die "Wende" in der Asylpolitik und in der Frage der Auslandseinsätze der Bundeswehr ein. Nicht ich verließ unsere Partei, sondern sie. Trotzdem war ich es, der sein Parteibuch zurückgab. Was habe ich mit meinem Vater über die Godesberger und Petersberger Beschlüsse gestritten! Was hat er auf Lafontaine geschimpft! Martin Schulz und ich haben einiges gemeinsam. Wir haben beide viele Jahre in Brüssel verbracht. Er als begeisterter Vorkämpfer für ein soziales Europa, ich als kritischer Journalist. Wir kennen uns daher gut. Er hatte Brüche in seiner Biographie. Ich ebenfalls. Als undercover Reporter ließ ich mich auf Geschäfte mit der Finanzmafia ein und als diese ausrecherchiert waren brachte ich das Ganze zur Anzeige. Da die Justiz zu dem Zeitpunkt noch den Auftrag hatte, so zu tun, als gäbe es den Hochfrequenzhandel nicht wurde ich als Überbringer der Nachricht selber an den Pranger gestellt. Seit 2008 weiß einjeder, daß es diese von der Politik gedeckten Geschäfte gab mit allen bitteren Konsequenzen für etliche Volkswirtschaften auch in Europa. Mein Vorbild Günter Wallraff hatte sich stets darüber aufgeregt, wenn ein paar Fritten auf den Boden fielen. Mich interessierte aber immer mehr, wem die Fritteuse gehört! Ich trat nach einem längeren Ausflug zur PDS/Linken zu einem Zeitpunkt wieder in die SPD ein, als es klar war, daß es so nicht weitergehen konnte. Martin Schulz übernimmt die Bürden der Parteiführung und Kanzlerkandidatur zu einem Zeitpunkt, als es klar ist, daß nur eine Rückbesinnung auf Markenkern und sozialdemokratische Werte der Weg aus der Krise für die SPD sein kann. Ich werde ihm helfen, so gut ich kann, die SPD wieder an die Seite der Werktätigen, Arbeitslosen, Rentner_Innen, Migrant_Innen und auf welche Weise auch immer Ausgeschlossenen zurückzubringen. Nach überzeugender Glasnost ist aber auch echte Perestroika von Nöten, denn ein paar kosmetische Korrekturen bei den Hartz-Gesetzen werden der AfD den Nährboden nicht entziehen, denn es ist mitnichten die so genannte "Flüchtlingskrise", die für schlechte SPD-Wahlergebnisse verantwortlich ist, sondern die selbstverschuldete Entfremdung von der eigenen Kernkompetenz! Sozialdemokrat ist man nicht durch den Besitz eines Parteibuches, sondern durch Überzeugungen, die man nicht beliebig einem Mainstream opfert. Als Sozialist stehe ich dafür, daß die Sozialdemokratie als einzige Kraft dem Kapitalismus Menschenwürde, Solidarität und Frieden abzuringen vermag. Für unsere Partei und unseren Kanzlerkandidaten möchte ich ein gutes Ergebnis erzielen, denn dem grassierenden Rechtspopulismus können wir nur aufrecht und geeint entgegentreten. Die USPD kommt 100 Jahre später zurück in die SPD, und ich verrate Euch noch eines: niemand braucht zwei sozialdemokratische Parteien in diesem Land! Genossinnen und Genossen, ich bitte Euch um Euer Vertrauen!


 
 
 
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